• „Wenn ihr diesen Brief lest, habe ich unseren Staat verlassen oder …“

    Auszug aus dem Abschiedsbrief Axel Hannemanns an seine Familie, zitiert nach einem Bericht des Ministeriums des Inneren an DDR-Innenminister Karl Maron vom 06. Juni 1962

Jürgen Hannemann

Axel Hannemann

Biografie

Axel Hannemann wurde am 27. April 1945 in Buchhain in der Lausitz geboren. Er wuchs mit seinen drei älteren Geschwistern in Cottbus auf. Sein Vater arbeitete in einem Cottbuser Warenhaus, seine Mutter war Hausfrau. Nach Beendigung der 10. Klasse begann Axel Hannemann eine Lehre als Monteur in einem Elektrobetrieb.

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1945
Axel Hannemann (2. v. r.) 1949 zusammen mit seinen drei Geschwistern

Axel Hannemann (2. v. r.) 1949 zusammen mit seinen drei Geschwistern

Jürgen Hannemann

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1949
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Axel Hannemann 1959 am Bahnhof Dresden Neustadt während einer Klassenfahrt

Jürgen Hannemann

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1959

Am 05. Juni 1962 versuchte Axel Hannemann nach West-Berlin zu fliehen. Mit dem Zug gelangte er von Cottbus nach Ost-Berlin. Sein Ziel war die Marschallbrücke, die sich in unmittelbarer Nähe der Sektorengrenze zum Westteil der Stadt befand. Von der Brücke aus sprang er auf einen Lastkahn, der in Richtung West-Berlin unterwegs war – ohne zu wissen, dass der Frachter aufgrund seiner Fahrtrichtung bereits unter Beobachtung durch die Grenzposten der DDR stand. Der Schiffsführer war nicht bereit, den Jugendlichen mitzunehmen, zumal er sich so auch selbst in Gefahr gebracht hätte. Stattdessen alarmierte er die Grenztruppen der DDR.

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05. Juni 1962

Nach einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen dem Schiffsführer und Axel Hannemann sprang der Jugendliche in die Spree und versuchte das West-Berliner Ufer schwimmend zu erreichen. Grenzpolizisten der DDR schossen auf ihn, um die Flucht zu verhindern. Dabei wurde Axel Hannemann nur wenige Meter vor seinem Ziel tödlich getroffen und versank in der Spree.

Von West-Berliner Seite beobachteten Polizisten und hinzueilende Pressevertreter die Suche nach dem Erschossenen. Nach etwa zwei Stunden wurde sein Leichnam von Ost-Berliner Feuerwehrleuten aus dem Wasser geborgen und abtransportiert. Er wurde im kleinsten Kreis und unter Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit in Cottbus bestattet.

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05. Juni 1962
Feuerlöschboot mit Suchgerät, im Hintergrund ein Schiff der Grenzpolizei der DDR, 05. Juni 1962

Feuerlöschboot mit Suchgerät, im Hintergrund ein Schiff der Grenzpolizei der DDR, 05. Juni 1962

Polizeihistorische Sammlung Berlin

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05. Juni 1962
Foto des Gedenkkreuzes für den erschossenen Jugendlichen am westlichen Spreeufer nahe des Berliner Reichstagsgebäudes aus dem Jahr 2020

Foto des Gedenkkreuzes für den erschossenen Jugendlichen am westlichen Spreeufer nahe des Berliner Reichstagsgebäudes aus dem Jahr 2020

Menschenrechtszentrum Cottbus e.V.

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2020
Icon – Maschendrahtzaun
Axel Hannemann

Leben in der DDR

Axel Hannemann wuchs zusammen mit seinen drei älteren Geschwistern in Cottbus auf. Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 hatte er engen Kontakt zu seinen Großeltern in West-Berlin und besuchte sie regelmäßig. Als Jugendlicher liebte Axel Hannemann den Sport und die Natur. Er war ein guter Schüler und begann nach Beendigung der 10. Klasse eine Lehre als Elektromonteur. Seine Eltern waren in keiner politischen Partei. Axel und seine Geschwister traten aber wie die meisten Schüler in die staatlichen Kinder- und Jugendorganisationen der DDR ein. Sein älterer Bruder Jürgen Hannemann sprach 2019 in einem Interview über seine Erinnerungen an Axel und die gemeinsame Zeit.

Freie Deutsche Jugend (FDJ)

Der FDJ gehörten nahezu alle Jugendlichen ab 14 Jahren an. Jüngere Kinder wurden mit Schuleintritt meist Mitglieder der Pionierorganisation Ernst Thälmann, die der FDJ angegliedert war. Die Unterbringung in festen Gruppen mit strengen Regeln sollte sie auf das Leben im gesellschaftlichen Kollektiv vorbereiten. Außerdem sollte die FDJ die SED-Politik unter Jugendlichen propagieren und diente der ideologischen Vorbereitung junger Menschen für einen späteren Parteieintritt.

Offiziell war die Mitgliedschaft in der FDJ freiwillig. Doch die wenigen, die ihr nicht beitraten, mussten mit erheblichen schulischen und später beruflichen Nachteilen rechnen. So war ihnen in aller Regel der Zugang zum Abitur versperrt. Das galt besonders, wenn eine kritische Haltung auch in anderen Bereichen sichtbar wurde, etwa durch einen westlich geprägten Kleidungsstil oder dem Engagement in der Kirche und besonders in der evangelischen Jugendgruppe Junge Gemeinde.

Dieser persönliche Druck war neben zahlreichen Freizeitangeboten ein Hauptargument für die Mitgliedschaft in der FDJ. Von ihrer inhaltlich-politischen Arbeit fühlten sich hingegen viele Jugendliche nicht angesprochen und verließen die Jugendorganisation nach Abschluss ihrer Berufsausbildung bzw. des Studiums wieder.

Eine wichtige Funktion erfüllte die FDJ auch bei der Militarisierung der Gesellschaft. Sie war zusammen mit der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) unter anderem für die Förderung der Wehrbereitschaft der Jugendlichen zuständig.

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Video // Clip 1: Erinnerungen des älteren Bruders Jürgen Hannemann an die gemeinsame Kindheit und Jugend
Axel und sein kleiner Neffe 1960 beim Radfahren

Axel und sein kleiner Neffe 1960 beim Radfahren

Jürgen Hannemann

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Erste Fahrstunden

Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 machte Besuche bei den Großeltern in West-Berlin von einem Tag auf den anderen unmöglich. So wie die Familie Hannemann empfanden Tausende Bürger die Abriegelung der westlichen Sektoren als schmerzhaften Einschnitt in das Familienleben sowie in die Reise- und Bewegungsfreiheit.

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Bau der Berliner Mauer
Familien im geteilten Deutschland

Die DDR-Führung untersagte ihren Bürgern Reisen ins „kapitalistische Ausland” und misstraute Personen mit Verbindungen in die Bundesrepublik Deutschland grundsätzlich, selbst wenn es sich dabei um Austausch mit engsten Familienangehörigen handelte. Persönliche, telefonische und postalische Kontakte zu Angehörigen und Freunden im Westen konnten zu Repressionen durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und zu massiven Nachteilen im beruflichen und privaten Leben führen.

Obwohl die Verletzung des Briefgeheimnisses in der DDR nach § 135 des Strafgesetzbuches (StGB) unter Strafe stand, überwachte das MfS den Postverkehr zwischen Ost und West systematisch. Auch bei Telefonaten bestand stets die Gefahr, durch Mitarbeiter des MfS heimlich abgehört zu werden. So gewonnene Informationen verwendete die Staatssicherheit zum Nachteil oder sogar zur strafrechtlichen Verfolgung der DDR-Bürger – beispielsweise wegen „öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Organe” (§ 220 StGB) oder angedeuteter Fluchtvorhaben in privaten Schreiben.

Viele DDR-Bürger stellten aufgrund der Überwachung und drohender Nachteile den Kontakt zur Verwandtschaft ein oder beschränkten sich auf möglichst risikoarme und unpersönliche Themen, was häufig zum Auseinanderleben der Familien führte. Manche trafen sich mit ihrer West-Verwandtschaft im sozialistischen Ausland – zum Beispiel in der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag oder am Plattensee in Ungarn. Andere versuchten die DDR per Ausreiseantrag oder Flucht dauerhaft zu verlassen, um ihre Verwandten wiederzusehen, und riskierten dabei lange Haftstrafen oder sogar ihr Leben.

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Video // Clip 2: Trennung der Familie durch den Mauerbau
1961 – In der Nacht ordnete die Staats- und Parteiführung der DDR die Abrieglung der Westsektoren an. Der Mauerbau begann.

Die Sektorengrenzen waren bis zum 12. August 1961 noch offen. In der Nacht auf den 13. August ordnete die Staats- und Parteiführung der DDR die Abrieglung der Westsektoren an. Der Mauerbau begann.

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Bau der Berliner Mauer
Flucht aus der DDR in Zahlen

Zwischen 1949 und 1989 flohen etwa drei Millionen Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik und nach West-Berlin, davon ungefähr 90 Prozent in den zwölf Jahren vor dem Mauerbau 1961.

Im Jahr 1953 erreichte die Fluchtbewegung ihren Höhepunkt – mehr als 331.000 Menschen verließen das Land in Richtung Westen. Ihre Fluchtgründe waren vielfältig. Die meisten waren enttäuscht von der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und frustriert angesichts des im Sommer 1952 von der SED verkündeten „Aufbau des Sozialismus“ mit seinen drastischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen. Viele Bürger hatten durch die gewaltsame Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 jede Hoffnung auf Veränderungen verloren oder flohen aus Angst vor Repressionen, weil sie sich am Aufstand beteiligt hatten.

Eine weitere Explosion der Fluchtzahlen zeichnete sich im Jahr 1961 ab. Allein bis zur Grenzschließung am 13. August flohen rund 155.000 Menschen, unter anderem aufgrund von Enteignungen und Zwangskollektivierungen in der Landwirtschaft. Mit dem Mauerbau vermochte die SED-Führung die Fluchtbewegung einzudämmen, aber nicht zu stoppen: Bis zum Jahresende 1961 gelang noch mehr als 50.000 Menschen die Flucht.

In den Folgejahren baute die DDR die Grenzanlagen immer weiter aus. Die Zahl der erfolgreichen Fluchten sank ab diesem Zeitpunkt stetig, und die staatlichen Organe der DDR vereitelten Jahr für Jahr eine deutliche Mehrheit der Fluchtversuche. Ab Mitte der 1980er Jahre stiegen die Zahlen wieder, vor allem weil aufgrund von Lockerungen der Reisevorschriften immer mehr DDR-Bürger Verwandte in der Bundesrepublik besuchen durften. Viele von ihnen entschieden sich gegen eine Rückkehr in die DDR.

1989 kam es erneut zu deutlich mehr Fluchten als in den Vorjahren, vorwiegend über die ungarisch-österreichische Grenze nach dem Abbau der dortigen Grenzanlagen und über die bundesdeutschen Botschaften in Budapest, Warschau und Prag. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registrierte allein zwischen Januar und Anfang Oktober 1989 mehr als 50.000 gelungene Fluchten.

Die Massenflucht 1989 trug entscheidend zum Zusammenbruch der SED-Diktatur bei.

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Karte des geteilten Berlins

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Karte des geteilten Berlins
Schließung der innerdeutschen Grenze und Bau der Berliner Mauer

Nach dem Zweiten Weltkrieg passierten zunächst noch Millionen Menschen die Grenze zwischen der sowjetischen und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Ab dem Sommer 1946 bedurfte es dazu sogenannter Interzonenpässe, welche die zuständige sowjetische Militäradministration nur selten ausstellte. Diese „grüne Grenze“ wurde jedoch vorerst kaum bewacht. Schmuggel und illegaler Grenzverkehr gehörten zum Alltag. Auch über Berlin konnte man die Westzonen noch erreichen.

Ein Jahr nach der Gründung der beiden deutschen Staaten richtete die DDR im Jahr 1950 erste offizielle Kontrollpunkte ein. Wegen verstärkter innerdeutscher Spannungen erhielten die DDR-Behörden im Frühjahr 1952 von der sowjetischen Besatzungsmacht genaue Anweisungen zum Ausbau und zur strengeren Überwachung der innerdeutschen Grenze. Reiseverkehr zwischen DDR und Bundesrepublik war fast nur noch über Berlin möglich, wo die Sektorengrenzen zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt zunächst offen blieben. Allerdings versuchte die DDR-Führung in der Folgezeit die Kontakte zwischen den Bewohnern der beiden Stadthälften weiter einzuschränken. Republikflucht galt in der DDR ab Ende 1954 als Straftat.

Doch durch Strafandrohung ließen sich Hunderttausende mehrheitlich junge Menschen nicht von der Flucht über Berlin abhalten. Die Fluchtbewegung wurde für die DDR zunehmend zum Problem. Die SED drängte im Sommer 1961 die Sowjetunion, ihre völkerrechtliche Mitverantwortung für Berlin zu nutzen und konkrete Maßnahmen zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms nach West-Berlin zu ergreifen. Schließlich überzeugte die Führung der DDR die Sowjetunion, einer Abriegelung der westlichen Sektoren Berlins zuzustimmen, um ein „Ausbluten” der DDR zu verhindern.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 errichteten Bauarbeiter unter polizeilichem und militärischem Schutz in Berlin zunächst provisorische Sperranlagen aus Stacheldraht, die nach und nach durch eine feste Mauer ersetzt wurden. Bis Mitte September gelang noch mehr als 600 Menschen mit zum Teil waghalsigen Aktionen die Flucht nach West-Berlin. Unter ihnen waren ganze Familien, aber auch einige Grenzposten. Der eigenen Bevölkerung gegenüber rechtfertigte die SED-Führung den Bau der Mauer als eine Verteidigungsmaßnahme gegen den äußeren Feind und bezeichnete sie als „antifaschistischen Schutzwall”. Auch die innerdeutsche Grenze wurde am 13. August 1961 endgültig geschlossen und in der Folgezeit immer stärker militärisch ausgebaut.

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Axel Hannemann

Fluchtentscheidung

Axel Hannemanns Beweggründe für seinen Fluchtversuch sind bis heute unbekannt. In einem Interview gegenüber dem Menschenrechtszentrum Cottbus im Jahr 2019 beschrieb ihn sein Bruder Jürgen Hannemann als einen „ganz normalen Jungen“, der sein Leben in der DDR erfolgreich in die Hand zu nehmen schien.

Cottbuser Stadtansichten aus dem Jahr 1962 – Axel Hannemanns Lebensumfeld im Jahr seiner Flucht

Cottbuser Stadtansichten aus dem Jahr 1962 – Axel Hannemanns Lebensumfeld im Jahr seiner Flucht

Bebug Verlagsgruppe

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Postkarte Cottbus 1962
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Video // Clip 3: Die überraschende Flucht
Unangepasstheit und staatliche Reaktion

In den 1970er Jahren entstanden in der DDR Subkulturen wie beispielsweise die Rocker-, Punk- oder Skater-Szenen, die oft westlichen Vorbildern folgten. Auffällige Kleidung, die Orientierung an westlichen Trends und der unangepasste Lebensstil formten Gegenbilder zur offiziell gewünschten „sozialistischen Persönlichkeit“. Solche subbkulturelle Gruppen waren eine Provokation für die SED, aber auch für die kleinbürgerlich geprägte DDR-Gesellschaft.

Wer nicht in den Jugendverband Freie Deutsche Jugend (FDJ), die paramilitärische Gesellschaft für Sport und Technik (GST) oder die Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) eintreten wollte, galt ebenfalls als Abweichler und Provokateur.

Entschied sich jemand für eine individuelle Lebensweise, gehörten für ihn oft schulische beziehungsweise berufliche Diskriminierung, ständige Personenkontrollen, grundlose Inhaftierungen und Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zum Alltag. Das MfS überwachte und bekämpfte auch Gruppen wie die Junge Gemeinde, die sich als politisch-alternativ verstanden und vorwiegend unter dem Dach der evangelischen Kirche agierten.

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„Wenn Ihr diesen Brief lest, habe ich unseren Staat verlassen oder ..... Bitte, verzeiht mir, wenn Ihr es könnt. Ich habe keinen anderen Ausweg. Den Grund schreibe ich Euch, wenn ich es geschafft habe. Daß ich nichts verbrochen habe, kann ich schon heute sagen. Auch braucht ihr euch keinen Vorwurf zu machen. Ich hoffe nur, daß ich Euch keine Unannehmlichkeiten mache. Grüße und Küsse."

Auszug aus dem Abschiedsbrief Axel Hannemanns an seine Familie, zitiert aus einem Bericht des Ministeriums des Inneren an DDR-Innenminister Karl Maron vom 06. Juni 1962

BUNDESARCHIV / MILITÄRARCHIV, BARCH DVH 58 / 8461, FOL. 29

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Zitat aus Abschiedsbrief
Axel Hannemann

Flucht mit tödlichem Ausgang

Nichts deutete im Vorfeld auf einen geplanten Fluchtversuch Axel Hannemanns hin. Sein älterer Bruder Jürgen erinnerte sich 2019 im Interview jedoch an eine der letzten Begegnungen mit Axel am Tag vor der Flucht. Axel Hannemann schien an diesem Tag irgendwie verändert.

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Video // Clip 4: Fluchtversuch
Grenzregime

Ab 1952 baute die DDR-Grenzpolizei die innerdeutsche Demarkationslinie zu einer streng bewachten Grenze aus. Dazu gehörte auch die Einrichtung einer etwa fünf Kilometer breiten Sperrzone im Hinterland der Grenze.

Ab 1961 erhielt das Grenzregime zunehmend militärischen Charakter. Aus der Grenzpolizei wurden die DDR-Grenztruppen, die dem Verteidigungsministerium unterstellt waren. Diese verlegten bis 1983 an der innerdeutschen Grenze mehr als eine Million Bodenminen. Bis 1985 war der Ausbau der Grenze mit Signalzäunen, Lichtsperren und Hundelaufanlagen soweit perfektioniert, dass die DDR – auch durch internationalen Druck – auf Minenfelder und die in den 1970er Jahren installierten Selbstschussanlagen verzichtete.

Seit 1947 durften Grenzsoldaten entlang der Demarkationslinie von der Schusswaffe Gebrauch machen, wenn andere Möglichkeiten der Festnahme bei Übertretungen der Grenze ausgeschöpft waren. Ab 1961 wurden die Grenzsoldaten sogar zum Schusswaffengebrauch gegen Flüchtende verpflichtet. Todesschützen erhielten eine Prämie. Soldaten, die sich weigerten oder absichtlich daneben schossen, wurden zum Teil disziplinarisch belangt.

Zwischen 1949 und 1989 endeten Hunderte Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer tödlich. Nach außen hin versuchten die Grenztruppen und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), entsprechende Todesfälle so weit wie möglich zu verschweigen oder im Sinne der DDR-Propaganda zu nutzen.

Misslungene Fluchtversuche führten jedoch weitaus häufiger zu langjährigen Haftstrafen als zum Tod an der Grenze.

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Bericht der Volkspolizei zum versuchten Grenzdurchbruch von Axel Hannemann vom 05. Juni 1962

BUNDESARCHIV, SAPMO, DY 30 / 93383

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Bericht der Volkspolizei
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Skizze zum Bericht über den Fluchtversuch mit tödlichem Ausgang vom 05. Juni 1962 in den Akten der West-Berliner Polizei

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Skizze zum Bericht über den Fluchtversuch mit tödlichem Ausgang vom 05. Juni 1962 in den Akten der West-Berliner Polizei

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Skizze zum Fluchtversuch
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Suche der DDR-Grenzpolizei und der Feuerwehr nach Axel Hannemanns Leiche am 05. Juni 1962 im Umfeld der Marschallbrücke

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Suche der DDR-Grenzpolizei und der Feuerwehr nach Axel Hannemanns Leiche am 05. Juni 1962 im Umfeld der Marschallbrücke

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Suche der DDR-Grenzpolizei und der Feuerwehr
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Bergung des Toten am 05. Juni 1962 aus der Spree

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Bergung des Toten am 05. Juni 1962 aus der Spree

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Bergung des Toten
Axel Hannemann

Folgen

Jürgen Hannemann erfuhr am Abend bei der Rückkehr von einem Ernteeinsatz vom Tod seines Bruders. Nach der Identifikation durch die Eltern wurden die sterblichen Überreste zur Beisetzung nach Cottbus überführt. Diese war nur im engsten Familienkreis erlaubt. Axels Freunde durften nicht dabei sein.

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Video // Clip 5: Staatlich vorgegebener Umgang mit Axels Tod
„Charlotte Hannemann: In schwerer Zeit“

Unseren Sohn Axel Hannemann, der in der schweren Zeit vor Beendigung des Zweiten Weltkrieges am 27. April 1945 geboren wurde, verloren wir durch heimtückische Schüsse am 05. Juni 1962 an der Mauer in Berlin.

In der Nacht vom 05. zum 06. Juni 1962 wurden mein Mann und ich gegen 24 Uhr durch zwei Kriminalbeamte aufgefordert, zu einem Verhör ins Kriminalamt Cottbus, Karl-Liebknecht-Straße, mitzukommen. Dort wurde uns gefühllos mitgeteilt, daß unser Sohn Axel, beim Versuch die Grenze in Berlin illegal zu überwinden, auf der Flucht über den Teltow-Kanal durch einen Kopfschuß tödlich getroffen wurde. Mein Mann und ich sind ca. eine Stunde getrennt verhört worden. Am folgenden Tag lasen wir in unserer Kreiszeitung, daß der Verbrecher Axel Hannemann seinen Verletzungen erlegen ist.

Auch wurde in unserer Wohnung von einem Staatsanwalt und einem Kriminalbeamten eine Haussuchung durchgeführt. Die Hausbewohner und die Nachbarschaft sowie der Sportverein und die Lehrwerkstatt, wo unser Sohn beschäftigt war, wurden ausgefragt und unter die Lupe genommen. Dort gab es aber nur gute Auskünfte über unseren Sohn. Nach ca. zehn Tagen bekamen wir eine Aufforderung der Kriminalpolizei, zu einer Aussprache nach Berlin zu kommen. Dort wurden wir wieder über unsere Familie befragt. Wir konnten aber nur Positives berichten, da unsere zwei Söhne und eine Tochter eine gute Lehrausbildung und Studium absolviert hatten.

Nach Beendigung der Aussprache wurden wir zum Leichenschauhaus geschickt. Mein Mann und ich aber waren nicht in der Lage, unseren Sohn mit seinen schweren Verletzungen noch einmal zu sehen. Die zuständige Aufseherin riet uns auch ab. Daraufhin wurden uns die Armbanduhr und die Manschettenknöpfe ausgehändigt. So erfolgte dann die Freigabe zur Einäscherung. Die Urne wurde nach vier Wochen unserer Friedhofsverwaltung in Cottbus überstellt.

Pfarrer Ziethe erklärte sich bereit, für unseren Sohn Axel die Grabrede zu halten. Von der Abteilung Inneres wurden aber Auflagen erteilt. So sollten keine Lehrlinge, keine Sportfreunde und Mitarbeiter des ehemaligen Betriebes an der Trauerfeier und Beisetzung teilnehmen. Von Beamten in Zivil wurden wir während der Beisetzung beobachtet. Uns wurde bekannt, daß am Nachmittag des Tages der Beisetzung die Jugendlichen und Freunde unseres Sohnes Axel einen Rosenkranz zum Gedenken an die Grabstelle legten.

Durch diese schweren Ereignisse wurde mein Mann sehr schwer krank, daß ich um sein Leben bangte. In einer Sendung im West-Fernsehen, das uns ja zu dieser Zeit nicht erlaubt war, sahen wir, daß für unseren Sohn Axel ein Kreuz an der Mauer in Berlin zum Gedenken aufgestellt worden war.

Nach Öffnung der Mauer kam mir die Tragik noch einmal zum Bewußtsein. Leider konnte mein Mann die Öffnung der Grenze nicht mehr erleben. Er starb am 12. Oktober 1982. Mein seelischer Zustand erlaubte es nicht, sogleich nach Berlin zu fahren. Meine Kinder begleiteten mich nach einem Jahr zu der Gedenkstätte, dem Kreuz an der Mauer in Berlin, um dort erstmalig für meinen Sohn und unseren Bruder unsere Blumen niederzulegen.

In der Hoffnung, daß Menschen nicht noch einmal durch solch unsinnige Willkür ihr Leben lassen müssen, schließe ich meinen Bericht.“

Erinnerungsbericht von Charlotte Hannemann zur Tötung ihres Sohnes aus dem Jahr 1991

JÜRGEN HANNEMANN / HERIBERT SCHWAN

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Erinnerungsbericht

Medial wurde der Zwischenfall auf beiden Seiten thematisiert. Während die DDR-Propaganda Axel Hannemann als „Republikflüchtling“, „Verbrecher“ oder „Grenzverletzer“ bezeichnete, sprachen westdeutsche Politiker, Behörden- und Medienvertreter unmissverständlich von „Mord“. Die West-Berliner Polizei setzte sogar ein Kopfgeld in Höhe von 3.000 DM für die Auslieferung der Grenzsoldaten aus. Die beiden Todesschützen Axel Hannemanns konnten jedoch erst 30 Jahre später nach der deutschen Wiedervereinigung vor Gericht gestellt werden. Einer der Grenzsoldaten wurde zu zwei Jahren Haft, ausgesetzt auf Bewährung, verurteilt. Der hauptverantwortliche Postenführer war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

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Mediale Thematisierung
Mehr zum Thema: Westmedien in der DDR

Viele Menschen in der DDR bemühten sich um Zugang zu westlichen Medien, die sie als glaubwürdiger und vielfältiger empfanden. Zeitschriften und Zeitungen aus der Bundesrepublik und anderen westlichen Demokratien waren allerdings für die meisten Bürger unerreichbar, denn sie galten der DDR-Propaganda als „Schund und Schmutz“ und waren nirgends erhältlich. Zumindest einzelne bundesdeutsche Radiosender konnten dagegen überall in der DDR empfangen werden. Die Reichweite des „Westfernsehens“ war deutlich begrenzter, so dass nur ein Teil der Bevölkerung Westnachrichten und andere Sendungen sehen konnte. Der DDR-Volksmund löste die Abkürzung ARD mit „Außer Raum Dresden“ auf, die Gegend um die sächsische Elbmetropole wurde als „Tal der Ahnungslosen“ verspottet.

Noch in den 1960er Jahren versuchte die SED den Empfang westlicher Programme mit technischen Mitteln zu verhindern, vor allem den Radiosender RIAS, den die amerikanische Besatzungsmacht 1946 als Gegenstück zum sowjetisch kontrollierten Berliner Rundfunk gegründet hatte. Mitte der 1980er Jahre hatte die politische Führung in der DDR ihre Strategie verändert und genehmigte beispielsweise den Bau von Gemeinschaftsantennen, um die Bevölkerung durch Verbesserung des „Westempfangs“ zu besänftigen. Angehörigen der Sicherheitsorgane war der Empfang westlicher Sender allerdings bis zur Auflösung der DDR verboten, auch unter SED-Funktionären blieben sie offiziell verpönt.

Trotz ihrer eingeschränkten Verfügbarkeit war der Einfluss westlicher Medien auf die DDR-Gesellschaft groß, denn sie durchbrachen das Nachrichtenmonopol der SED. Auch zensierte Nachrichten verbreiteten sich unter der Hand schnell. Als Ergebnis des Grundlagenvertrags beider deutscher Staaten wurden ab 1973 in der DDR auch Korrespondenten westlicher Medien akkreditiert. Zusammen mit Diplomaten bildeten sie ein zunehmend wichtiges Kontaktnetzwerk für oppositionelle DDR-Bürger.

Besondere Bedeutung erlangten Westmedien für die Menschen in der DDR immer dann, wenn sie unzensierte Informationen über Proteste im Inland und in den anderen sozialistischen Staaten verfügbar machten: Dies war während des DDR-Volksaufstandes 1953 genauso der Fall wie während des ungarischen Volksaufstands 1956, anlässlich des „Prager Frühlings“ 1968 und im Herbst 1989, als Demonstrationen und Fluchtströme die SED-Diktatur ins Wanken brachten. Während die DDR-Zeitungen beispielsweise die Leipziger Montagsdemonstranten im September 1989 noch als „kriminelle Rowdys“ beschimpften, konnte die DDR-Bevölkerung etwa über den gut zu empfangenden Deutschlandfunk authentische Berichte über die Lage hören.

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Fahndungsplakat der West-Berliner Polizei nach den Todesschützen von 1962

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Fahndungsplakat der West-Berliner Polizei nach den Todesschützen von 1962

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Fahndungsplakat
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Am 07. Juni 1962 in der DDR-Tageszeitung „NEUES DEUTSCHLAND“ erschienener Artikel „zum versuchten Grenzdurchbruch“ Axel Hannemanns „mit tödlichem Ausgang“

NEUES DEUTSCHLAND

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Am 07. Juni 1962 in der DDR-Tageszeitung NEUES DEUTSCHLAND erschienener Artikel „zum versuchten Grenzdurchbruch“ Axel Hannemanns „mit tödlichem Ausgang“

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ND-Artikel von 1962
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Video // Clip 6: Die juristische Aufarbeitung des Falls Axel Hannemann nach der deutschen Wiedervereinigung
Todesfälle an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer – Aufarbeitung

Fluchtversuche aus der DDR kosteten zwischen 1949 und 1989 immer wieder Menschen das Leben – durch gezielte Schüsse der Grenzsoldaten, Selbstschussanlagen und Minen, durch Ertrinken in der Ostsee oder Ersticken im Kofferraum. Westliche Menschenrechtsorganisationen und Staatsanwaltschaften begannen schon vor 1989, Statistiken über die Todesopfer an den DDR-Grenzen zu erstellen. In den letzten Jahren führten Historiker umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu Todesfällen an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze durch. Hunderte tödlich endende Fluchtversuche konnten zweifelsfrei nachgewiesen werden. Die Todesfälle in der Ostsee werden weiter erforscht, genau wie die Umstände, unter denen DDR-Flüchtlinge an den Grenzen der sozialistischen „Bruderstaaten“ ums Leben kamen.

Nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes leiteten die DDR-Behörden im Sommer 1990 Ermittlungen gegen den langjährigen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und gegen weitere Verantwortliche ein, um sie für die Todesfälle an der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Verfahren gegen die Verantwortlichen wurden später von der bundesdeutschen Justiz fortgeführt. Mitglieder der Partei- und Staatsführung der DDR sowie hohe Offiziere der Grenztruppen erhielten wegen Totschlags oder der Beihilfe dazu mehrjährige Haftstrafen – selbst, wenn sie nicht persönlich zur Waffe gegriffen hatten. Sie wurden für schuldig befunden, den Schießbefehl beziehungsweise dessen Ausführungsbestimmungen gegen unbewaffnete Flüchtlinge erlassen oder die Einrichtung von Minenfeldern angeordnet zu haben.

Verfahren gegen befehlsausführende Grenzsoldaten führten in der Regel zu Bewährungsstrafen, wenn die Angeklagten sich nicht des Mordes schuldig gemacht hatten (zum Beispiel durch Tötung bereits gestellter Flüchtlinge).
Im März 2001 wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Beschwerden des letzten SED-Generalsekretärs und Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz und anderer Verantwortlicher gegen Urteile bundesdeutscher Gerichte zurück. Die Schuldsprüche wegen Totschlages verstießen nicht gegen das Verbot rückwirkender Strafgesetze, das seit 1950 in der Europäischen Menschenrechtskonvention niedergelegt ist.

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Nach Axels Tod hatte die Familie Hannemann gemäß der Aussage des älteren Bruders Jürgen keine Benachteiligungen in der DDR zu erleiden. Aus seiner Sicht konnten sie an ihr früheres Leben anknüpfen. Emotional musste Axels Tod im engsten Familienkreis bearbeitet werden, jegliche öffentliche Trauer galt es zu vermeiden.

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Nach dem Tod
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Axel Hannemann

Quellen

Das Interview mit Jürgen Hannemann wurde im September 2019 durch Mitarbeiter des Menschenrechtszentrums Cottbus in der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus geführt und aufgezeichnet.

Wir danken Jürgen Hannemann, dem Bundesarchiv, der Polizeihistorischen Sammlung Berlin, der Stiftung Gedenkstätte Berliner Mauer, Heribert Schwan und allen weiteren Rechteinhabern herzlich für die Erlaubnis zur Nutzung der Fotos, Interviewclips und Dokumente für das Projekt NUR FORT VON HIER.